Wer ist eigentlich dieser Talentscout?

Im Gespräch mit Mirijam Schraven, NRW-Talentscout & Koordinatorin an der Bergischen Universität Wuppertal. 

Talente sind für die Talentscouts der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) wie geheimnisvolle Schatztruhen, die mal leichter und mal schwerer zu finden sind. Die Suche lohnt, denn kein Schatz gleicht dem anderen. Mirijam Schraven ist Koordinatorin im Team, sie strukturiert die Schatzsuche, scoutet Talente und promoviert nebenbei. Dass sie einmal einen erfolgreichen akademischen Bildungsweg hinlegen würde, dachte sie zu Schulzeiten nicht. Das Freiwillige Soziale Jahr nach der Schule in einem Sportverein ermöglichte es ihr, Erfahrungen zu sammeln und verschaffte ihr Bedenkzeit, doch nicht die gewünschte Klarheit. Nach der Zusage für sechs Studiengänge trifft sie eine Entscheidung. Den Master in der Germanistik schließt sie mit 1,0 ab. Mirijam ist sich sicher: „Man kann immer mehr, als man von sich selber erwartet“ – das gibt sie an Talente weiter.

Im Talentscouting arbeitest du eng mit Schüler*innen an ihren Wünschen, Träumen und Zielen für die Zukunft. Wie warst du als Schülerin?

Ich habe ein eher durchschnittliches Abitur gemacht und mich in der Schulzeit nicht richtig abgeholt gefühlt. Dazu kam, dass ich generell und ungern um Hilfe gebeten habe. Das Studium habe ich dann aus Interesse angefangen, ohne zu wissen, wo es hingehen kann. In meiner Familie war ich die Erste, die studiert hat. Nach der Schule habe ich aber erst ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einem Sportverein gemacht. Danach wusste ich immer noch nicht wirklich, was ich studieren möchte. Ich wusste jedoch, dass es eine Sprache oder Kulturwissenschaft sein sollte.  Dank einer Freundin habe ich mich dazu entschieden, mich in Wuppertal an der Uni umzuschauen. Ich bewarb mich für sechs verschiedene Studiengänge, für die ich alle eine Zusage bekam. Daraufhin entschied ich mich für Germanistik und Sozialwissenschaften. Im dritten Semester wurde ich gefragt, ob ich Tutorin werden und Vorbereitungen für die neuen Studierenden treffen möchte. Es machte mir so viel Spaß, an der Uni zu arbeiten, dass ich ebenfalls den Master in Germanistik gemacht und diesen mit Auszeichnung abgeschlossen und einen Preis für meine Masterarbeit bekommen habe, womit ich aufgrund meiner Schullaufbahn nie gerechnet hätte. Neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit als Talentscout promoviere ich derzeit in der Germanistik zu dem Genre "Nachrufe".

Hattest du in deiner Bildungsbiografie jemanden, der deine Talente gefördert hat?

Ich kann das nicht wirklich an einer Person festmachen. Eigentlich würde ich sagen, dass es nie jemanden gab, mit dem ich über mich, meine Ideen und Pläne gesprochen habe. Außerschulisch waren meine Eltern für mich meine Talentfördernden. Sie haben mich immer unterstützt, auch wenn sie viele Dinge selbst nicht wussten. Sie haben mir den Freiraum gegeben, mich zu finden und meinen Weg zu gehen. Für Talentscouts ist das eine wichtige Eigenschaft – man muss auch wissen, wann man sich zurückzieht, damit sich Talente entwickeln können, und wann man wieder Unterstützung anbietet. Aktuell sehe ich persönlich meinen Doktorarbeitsbetreuer und meine Chefin als meinen Talentförderer*innen.

Was ist das Besondere an dem Talentscouting im Bergischen Land?

Das Programm passt super in die Region Wuppertal, Solingen, Remscheid und Mettmann. Wir möchten Schüler*innen die Möglichkeit geben, sich unabhängig von ihrer sozialen und finanziellen Herkunft zu entfalten. Dazu bieten wir, wie alle Talentscouting-Teams, eine langfristige Begleitung und Unterstützung an, die auch über den Schulabschluss hinaus anhalten kann. Gemeinsam sprechen wir über Berufswünsche, Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten und verweisen darüber hinaus an geeignete Beratungsstellen. Wir möchten dabei gemeinsam scheinbar unüberwindbare Hürden aus dem Weg räumen. Viele unserer Talente stehen vor großen finanziellen Herausforderungen, deshalb war es uns ein großes Anliegen, ein Schülerstipendienprogramm für unsere Region zu etablieren. Das Wupper-Stipendium richtet sich ausschließlich an Talente der Schulen, die am Programm NRW-Talentscouting der Bergischen Universität Wuppertal teilnehmen. Die Unterstützung sieht die finanzielle Übernahme von Bildungsausgaben wie zum Beispiel die Übernahme von Kosten für Lernmaterialien und Teilnahmegebühren für Seminare vor. Darüber hinaus werden die Schülerstipendiat*innen ideell durch persönlichkeitsbildende, fachspezifische oder politische Workshops und/oder kulturelle Veranstaltungen gefördert. Jede Talentscouting-Schule der Bergischen Universität darf pro Bewerbungsphase ein Talent vorschlagen. Ermöglicht werden die Wupper-Stipendien durch den Rotary Club Wuppertal-Süd. Das Programm ist 2018 angelaufen und wir haben aktuell 12 Stipendiat*innen. Gerade jetzt in der Pandemie haben viele Talente dadurch dringend benötigte Laptops, Drucker und Software finanzieren können. Leider ist es so, dass in einigen Familien von Talenten PCs oder Laptops nicht vorhanden sind, Geräte zwischen mehreren Geschwistern bzw. Familienmitgliedern geteilt werden müssen oder aber so veraltet sind, dass man sie für Schularbeiten kaum nutzen kann. Als Reaktion auf das Homeschooling hat uns der Rotary Club glücklicherweise als Sachspende Laptops für Talente im Talentscouting, die nicht durch das Stipendium gefördert werden, zur Verfügung gestellt. Die Talente und wir sind für dieses Engagement sehr dankbar.

Welche Talentgeschichten haben dich besonders beeindruckt?

Als ich beim Talentscouting angefangen habe, war mein erstes Talent eine Schülerin aus der Oberstufe mit einem Fluchthintergrund. Sie ist 2015 unbegleitet nach Deutschland gekommen und lebt alleine hier in Wuppertal. Ihre Gründe für die Flucht sind privat, aber sehr gravierend – so viel sei gesagt. Sie hat hier ihr Abitur mit einem Schnitt von 2,0 abgeschlossen und wollte Medizin studieren. Als Talentscout ist es eine meiner Aufgaben, realistische Optionen aufzuzeigen und zugänglich zu machen. Ich musste ihr vermitteln, dass es nicht einfach ist, dieses Ziel zu erreichen, und dass der Weg anstrengend sein könnte, aber sie wollte es trotzdem versuchen. Man hat gemerkt, dass sie unbedingt Medizin studieren will. Manchmal kommt es bei Jugendlichen vor, dass sie von ihrem gesetzten Ziel ablassen, wenn sie wissen, dass der Weg Kurven erfordert und mehr Anstrengungen kosten wird. Sie suchen dann Alternativen oder haben schon eine Idee von einem Plan B im Kopf. Bei ihr war es keineswegs so. Sie wollte alles dafür tun, Medizin studieren zu können, und verbesserte nebenbei ihre Deutschkenntnisse. Nach einem FSJ im Krankenhaus fing sie eine Ausbildung zur Krankenschwester an, in der sie sehr geschätzt wird und die sie so weit qualifiziert, dass sie das zweite Auswahlverfahren der Hochschulen bestehen und somit einen Studienplatz bekommen könnte. Ich finde es beeindruckend zu sehen, mit welchem Willen sie an ihrem persönlichen Ziel arbeitet. Das Talent auf ihrem Weg unterstützen zu dürfen, finde ich toll und ich habe das Gefühl, dass sie in der Medizin richtig und auch glücklich ist.

Was wünschst du allen Talenten?

Ich wünsche allen Talenten, dass sie auf sich vertrauen, sich ausprobieren, flexibel und mutig sind. Man kann immer mehr, als man von sich selber erwartet. Viele Talente haben eine innere Schranke, die sie daran hindert, mutig oder selbstbewusst zu sein. Was ich den Talenten dann oft sage, ist, dass sie vieles schaffen können. Ich bin ein Fan von Lebensläufen, die nicht perfekt sind. Man muss Dinge auch einfach mal anfangen und ausprobieren, um reflektieren zu können, ob die eine oder andere Richtung besser passt. Meiner Meinung nach kommt man nur so Stück für Stück weiter. Dabei darf man auch mal in einer Sackgasse landen – einen Weg hinaus gibt es immer.

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