Lehrer*innen & Talentscouts sind wie ein Puzzle

Gorden Skorzik hat Anfang 2020 die Schulleitung am Berufskolleg Königsstraße der Stadt Gelsenkirchen übernommen. Das Unterrichten von Schüler*innen liebt der gebürtige Hattinger bis heute. Seine neue Rolle ist jedoch anders: verwaltungstechnisch und administrativ. „Um in einem System etwas ändern zu können, muss man manchmal das abgeben, was man gerne macht“, sagt er dazu.

Ein Gespräch mit Gorden Skorzik, Schulleiter am Berufskolleg Königsstraße der Stadt Gelsenkirchen im Juni 2020

Als Arbeiterkind habe man Gorden Skorzik in seiner Schulzeit weniger zugetraut als Mitschüler*innen aus akademischen Haushalten. Als Schulleiter möchte er bewirken, dass die Bildungschancen seiner knapp 2.300 Schüler*innen unabhängig ihrer Herkunft erfolgreich und selbstbestimmt sind. Das NRW-Talentscouting und die Auszeichnung als Talentschule vom Land NRW tragen dazu bei.

Was möchten Sie als Schulleiter erreichen?

Für mich bilden Berufskollegs eine Stadt ab. Wir unterrichten Jugendliche von Hauptschulen, die ihren Abschluss nachholen möchten, bis hin zu Abiturient*innen. Ich glaube, die zentrale Lage unserer Schule mitten in Gelsenkirchen ist eine besondere Disposition. Zahlreiche Jugendliche sind von Armut betroffen. Am Berufskolleg Königsstraße versuchen wir innerhalb der gesteckten Grenzen, die man durch die Bildungspläne hat, auch andere Wege zu beschreiten, um unseren Schüler*innen Perspektiven aufzuzeigen. Deshalb kooperieren wir bereits seit fünf Jahren mit dem Programm NRW-Talentscouting, um so engagierte Schüler*innen aus weniger privilegierten Familien zu unterstützen. Mein Herzenswunsch war es zudem eine von 60 Talentschulen in NRW zu werden, was zum Schuljahr 2019/20 gelungen ist. Als Schule mussten wir uns dafür beim Ministerium für Schule und Bildung bewerben. An den Talentschulen wird nun exemplarisch erprobt, wie die Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg an Schulstandorten mit besonderen Herausforderungen gelingen kann. Die Auszeichnung hat uns zum einen in unserer bislang geleisteten Arbeit bestätigt und zum anderen ermutigt, weiter intensiv daran zu arbeiten, die Chancengleichheit unserer Schüler*innen zu verbessern.

Wie kann Schule chancenbenachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützen?

Das geht in meinen Augen nur, wenn wir mehr miteinander arbeiten – auch systemübergreifend. Es gibt leider immer noch vereinzelt ein „Einzelkämpfertum“. Um davon wegzukommen müssen und wollen wir intern in der Schule als auch extern mit Partnern vernetzter arbeiten. Talentschule zu sein, hat die Motivation sowie die Außendarstellung unserer Schule gestärkt. Durch zusätzliche Ressourcen hatten wir die Möglichkeit mehr Kolleg*innen einzustellen. Dadurch wird das ganze Kollegium entlastet und gleichzeitig werden viele Projekte umgesetzt, wie sprachsensibler Unterricht oder Berufsfelderkundung in Form von Praktika, in denen die Schüler*innen die Möglichkeiten haben, ihre Talente zu zeigen.

Neben dem Fachlichen ist die Beziehungsarbeit entscheidend. Damit meine ich, dass die Schüler*innen zu uns Vertrauen aufbauen, sich öffnen und mitteilen. Wenn Jugendliche mit uns über ihre Situation, persönliche Herausforderungen und Lernumgebung sprechen, können wir sie ermutigen und gezielt unterstützen. Manchmal sind wir als Lehrer*innen für die Schüler*innen die einzigen, die ihnen Zeit widmen, ihnen zuhören und sich für sie interessieren. Aufmerksamkeit zu schenken ist in meinen Augen das Wichtigste. So schafft man es auch in den Schüler*innen die Bereitschaft zu wecken, zu lernen. Oft lernen beispielsweise Grundschulkinder, um ihre Lehrer*innen zu beeindrucken. Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn man den Schüler*innen Beachtung schenkt und man sich mit ihnen richtig auseinandersetzt, sind sie viel engagierter. 

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Talentscouting?

Wir als Lehrer*innen sind Lernbegleiter*innen und haben einen schulischen Blick. Durch den Ansatz des Talentscoutings wird dieser noch einmal sensibilisiert. Den Schüler*innen, die mehr tun oder mehr getan haben um ein bestimmtes Ziel zu erreichen als andere oder die aufgrund ihrer Lebenssituation im Vergleich zu anderen benachteiligt sind, aber trotzdem ein konkretes Ziel vor Augen haben und für dieses kämpfen, die fleißig sind und gerade bei Rückschlägen nicht aufgeben, sondern Hilfe und Unterstützung eingefordert haben, empfehlen wir ein Treffen mit einem Talentscout. Die "Du-Ebene" im Talentscouting bietet eine ganz andere Grundlage im Vergleich zu der "Sie-Ebene" von Lehrer*innen. Sie schafft bei den Schüler*innen eine andere Art von Vertrautheit. Mit den Talentscouts können sie anders reden und andere Ideen sammeln. Vor allem unterstützt das Talentscouting auch uns Lehrer*innen. Das ist vergleichbar mit einem Puzzle, da man sich gegenseitig ergänzen kann. Wir haben in den vergangenen Jahren zusammen mit dem NRW-Talentscouting auch Vorbilder für die Schüler*innen geschaffen, die wir vorzeigen können und an denen sich Jugendliche orientieren.

Wie nehmen die Schüler*innen das Talentscouting an?

Ich denke gut. Meine Erfahrungen zeigen, dass es sehr positiv ankommt. Anfangs hat man natürlich immer mehr Interessenten als zu einem späteren Zeitpunkt. Da es aber auch Verpflichtungen und Regelmäßigkeiten gibt, die eingehalten werden müssen, bleibt ein Kern. Dieser Kern besteht dann aus den Schüler*innen, die Lust haben und wirklich wollen. Man kann den Schüler*innen nur Angebote machen und sie selbst müssen entscheiden ob sie diese Angebote annehmen oder nicht.

Ich denke, dass man nicht nur an unserer Schule, sondern an allen Schulen mehr Talente entdecken könnte. Dementsprechend müssten dann auch zusätzliche Talentscouts im Programm zur Verfügung stehen. Wir bewegen uns meiner Meinung nach in die richtige Richtung. Die Schüler*innen können viel für ihren späteren Werdegang mitnehmen. Schule ist daher nicht direkt der Endpunkt, denn das Talentscouting nimmt die Schüler*innen in einem fließenden Übergang mit, auch nach der Schule.

Gibt es weitere Eckpunkte, die Sie gerne ausgebaut sehen würden?

Ja, ich glaube wir bräuchten eine engere Vernetzung zu den abgebenden Schulen, sodass die Schüler*innen dort schon erfahren, was man an einem Berufskolleg alles machen kann und welche Angebote es gibt. Wir bräuchten zudem stärkere Kontakte zur Stadt im Sinne von festen Ansprechpartner*innen. Das würde unsere Kommunikationswege vereinfachen und Vertrauen kann schneller und besser aufgebaut werden. In meinen Augen bräuchten wir mehr kleinere Betriebe, die sich in den Schulen vorstellen. Schüler*innen haben oft Hemmungen auf Ausbildungsbetriebe zuzugehen. Die Talentscouts kommen in die kooperierenden Schulen, das senkt die Hemmschwelle für Jugendliche sehr.

Was wünschen Sie sich für Ihre Schüler*innen?

Das Schönste für mich als Schulleiter ist es, den Schüler*innen am Ende des Jahres die Hand zu geben und ihnen ihr Zeugnis überreichen zu können. Meiner Meinung nach sollte der Abschluss ermöglichen, dass man mehrere Perspektiven im Leben hat. Da kommen Sie als Talentscouts auch wieder ins Spiel, denn Sie können zusammen mit den Schüler*innen schauen, welche Tür passen könnte. Ich finde es wichtig, den Schüler*innen Respekt und Perspektiven zu geben. Wenn ich sehe mit wie vielen unterschiedlichen Meinungen und mit wie viel unterschiedlichem Wissen Kinder heute konfrontiert werden, finde ich es persönlich sehr anstrengend, das alles einzufangen. Ich wünsche unseren Schüler*innen eine gute Lebensperspektive und dass jede*r von ihnen in seiner Lebenssituation sowohl von den Lehrer*innen als auch von der Gesellschaft ernst genommen wird.

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