Mehr Motivation bei Schüler*innen

„Ich stelle auch oft eine Verbesserung der schulischen Leistungen fest, wenn Schüler*innen das NRW-Talentscouting besuchen. Das liegt vielleicht an der Motivation oder der aussichtsreicheren Zukunft, die das Programm Talenten bietet“, sagt Simone Bonnemeier, Lehrerin an der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld.

Ein Interview mit Simone Bonnemeier, Lehrerin für Deutsch und Pädagogik und Koordinatorin Talentscouting am Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld im Mai 2020

Seit über drei Jahren ist Talentscout Jasmin Schaumburg einen Tag im Monat vor Ort in der Schule, um mit Talenten über ihre Wünsche, Kompetenzen und beruflichen Ziele zu sprechen. Über die Gespräche mit ihrem Talentscout hinaus, haben Schüler*innen selbständig ein digitales Talentnetzwerk gebildet, in dem sie sich zur Seite stehen, austauschen und motivieren. Das NRW-Talentscouting ist ein landesweites Programm, das mit 17 Hochschulen und mehr als 370 Schulen kooperiert. In der Region Ostwestfalen-Lippe gestalten die Universitäten Bielefeld und Paderborn, die Fachhochschule Bielefeld sowie die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe das Talentscouting unter dem Dach des Hochschulverbundes Campus OWL.

FRAU BONNEMEIER, WAS IST DAS BESONDERE AN DER MARTIN-NIEMÖLLER-GESAMTSCHULE?

Die Martin-Niemöller Gesamtschule bietet etwa 1000 Schüler*innen vielfältige Angebote, um ihren eigenen Weg zu finden und ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert und gefordert zu werden. Eine große Anzahl von Schüler*innen wechselt regelmäßig zur Sekundarstufe II zu uns, weil wir mit Leistungskursen von Psychologie über Kunst bis zu Sport ein vielfältiges Angebot bieten. Unsere Schule liegt im Ortsteil Bielefeld Schildesche. Das Einzugsgebiet vereint viele Quartiere mit Herausforderungen und wir begegnen tagtäglich einer sehr vielfältigen und bunt gemischten Schülerschaft mit unterschiedlichen Mentalitäten. Integration, Multikulturalität und interkulturelles Lernen sind an unserer Schule jahrelang gelebte Tradition.

WIE KLAPPT DIE BESCHULUNG IN DER AKTUELLEN PANDEMIE?

Das ist unterschiedlich. In der Oberstufe klappt es sehr gut. Die Schüler*innen sind medienkompetent und meist technisch gut aufgestellt. Sie können also an Videokonferenzen und Besprechungen teilhaben. In der Unterstufe ist es so, dass die Schüler*innen oft nicht den Zugang haben. Häufig gibt es für die gesamte Familie nur ein Endgerät, welches auch ältere Geschwister nutzen müssen. Daher machen wir es einmal in der Woche so, dass wir die Schüler*innen in zeitlichen Abständen mit ihren Eltern in die Schule bitten, um ihre erarbeiteten Unterlagen abgeben. Sie bekommen dann von uns neue Mappen mit vorbereiteten Materialien. Oft kommt es vor, dass die Eltern einiger Kinder kaum oder auch kein Deutsch sprechen. Daher gibt es an unserer Schule Dolmetscher*innen, die helfend zur Seite stehen. Es gibt aber auch Schüler*innen, die in Frauenhäusern oder Flüchtlingsunterkünften leben und gar keinen Zugang zu Endgeräten haben. In solchen Fällen ist das Lehrerkollegium gefragt, individuell auf Schüler*innen einzugehen. Wir kennen die Hintergründe unserer Schüler*innen und versuchen für jeden eine Lösung finden.

ALS DAS TALENTSCOUTING 2017 VOM RUHRGEBIET AUF GANZ NORDRHEIN-WESTFALEN AUSGEWEITET WURDE, HAT SICH IHRE SCHULE UMGEHEND BEWORBEN. WIESO NIMMT IHRE SCHULE DAS ANGEBOT WAHR?

Als ich vom NRW-Talentscouting im Radio gehört habe, war ich gleich Feuer und Flamme, und wollte unsere Schüler*innen direkt in die Vorzüge dieses Angangs integrieren. Talentscouts können individuell auf den oder die Einzelne eingehen, haben viel Wissen über die unterschiedlichen Möglichkeiten nach der Schule und sind gut vernetzt. Auch wenn meine Kolleg*innen und ich uns regelmäßig um Fortbildungen bemühen, denke ich, dass wir die Möglichkeiten nach dem Abitur, sei es ein duales System, mögliche Ausbildungen oder Studiengänge, eher rudimentär kennen.

WIE KOMMT DAS TALENTSCOUTING BEI IHREN SCHÜLER*INNEN AN?

Sehr gut. Unser Talentscout Frau Schaumburg ist einmal im Monat für einen Tag bei uns an der Schule und die Termine für ihre Talentscouting Sprechstunden sind alle schnell vergeben. Es kommt aber auch vor, dass sich Schüler*innen außerhalb der Sitzungen bei Frau Schaumburg melden. Es gab auch schon Tage, an denen Talente sie z.B. an der Uni besuchten und in Vorlesungen reingeschnuppert haben. Wenn mehr Ressourcen zur Verfügung ständen, könnten wir gewiss auch mehr Schüler*innen in dem Projekt unterbringen. Die jungen Menschen schätzen den individuellen Zugang und die Beschäftigung mit ihrer eigenen Zukunft sehr. Es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn man persönlich in Zweiergesprächen beraten und gecoacht wird als wenn es allgemeine Informationen in Klassen- oder Gruppenverbänden gibt. Ich denke, dass die Scheu der Schüler*innen, nachzufragen oder auch Wünsche zu äußern, die gemeinhin häufig als unrealistisch abgetan werden, im Vieraugengespräch sinkt. Diese Erfahrung mache ich selber auch. Wir merken wie gut es den Heranwachsenden tut, wenn sie Anliegen frei äußern können und vielleicht auch Tipps und Ermutigung bekommen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich von anderen nicht blockieren lassen. Das unterstützt unser Talentscout auf ihre ganz persönliche Art und Weise wirklich ganz toll. Auch die persönliche Disposition der Schüler*innen wird durch das Talentscouting bestärkt, was ich an unserer Schule deutlich spüre. In den letzten beiden Jahrgängen gab es mehrere Schüler*innen die das Talentscouting besucht haben und jetzt Bildungswege eingeschlagen haben, die sie sich erträumt aber nicht zugetraut haben.

ÜBER DAS TALENTSCOUTING HINAUS HABEN SCHÜLER*INNEN EIN EIGENES TALENTNETZWERK INITIIERT.

Ja, es gibt ein Talentnetzwerk unter den Schüler*innen in Form einer WhatsApp-Gruppe, in der sie sich untereinander austauschen, unterstützen und ermutigen. Schüler*innen, die bereits länger im Projekt sind, integrieren Neuankömmlinge. Ich habe das Gefühl, durch das Talentscouting und den Austausch untereinander, können negative Glaubenssätze, die teilweise sehr verhaftet sind bei den Jugendlichen, besser durchbrochen werden.

SIE ENGAGIEREN SICH AN DER DER MARTIN-NIEMÖLLER-GESAMTSCHULE GLEICH MEHRFACH: SIE SIND LEHRERIN, KOORDINIEREN DAS TALENTSCOUTING UND WIDMEN SICH DER BEGABUNGSFÖRDERUNG…

Für mich als Lehrerin liegt der Fokus nicht nur auf der Wissensvermittlung, sondern auch darauf den Schüler*innen gute Werte zu vermitteln. Mein Aufgabenbereich endet jedoch nach den Abiturprüfungen und ich hoffe natürlich, dass ich die Schüler*innen stärken und orientieren konnte, sodass sie in eine Zukunft gehen können, die sie erfüllt und glücklich macht. Die Intention meines Berufes ist, starke und glückliche Menschen zu prägen, die sich in der Gesellschaft verstanden und angenommen fühlen, die aber auch mündig sind, demokratisch denken können und die Gesellschaft mit einem positiven Abdruck mitformen können. Als Lehrer*innen packen wir die Gesellschaft an der Wurzel. Gesellschaftliche Entwicklungen entstehen durch die Menschen, die in den kommenden Jahren in der Schule sind.

WAS WÜNSCHEN SIE IHREN SCHÜLER*INNEN?

Ich wünsche mir, dass sie sich trauen ihr Licht scheinen zu lassen und den Mut haben dieses in die Welt zu bringen.

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