1. Das Jahr 2025 stand ganz im Zeichen der Jubiläen. Was hat euch im vergangenen Jahr in der NRW-Talentförderung besonders bewegt?
Hilke: Wir haben zwei wichtige Meilensteine gefeiert: 10 Jahre NRW-Zentrum für Talentförderung in Gelsenkirchen und 10 Jahre TalentKolleg Ruhr in Herne. Beide Ansätze sind damals als befristete Projekte gestartet und mittlerweile fester Bestandteil in der Bildungslandschaft in NRW. Rückblickend können wir sagen, dass es auch diese Zeit braucht, um eine Bildungsinnovation in einen Dauerbetrieb zu überführen. Und die Früchte der Arbeit sehen wir unmittelbar: Fast 40.000 Jugendliche aus 1.000 verschiedenen Schulen werden in Programmen der Talentförderung inzwischen kontinuierlich auf ihrem Bildungsweg begleitet und wir sind stolz darauf, dass die von uns entwickelten Programme mit vielen Partnern inzwischen in ganz NRW für junge Menschen neue Perspektiven schaffen.
Marcus: Ich war im September 2025 auf einer Veranstaltung des NRW-Talentscoutings an der Hochschule Bielefeld. Dort wurden neue Partnerschulen aus ganz Ostwestfalen-Lippe feierlich in das Programm aufgenommen. Es waren viele engagierte Lehrkräfte vor Ort, die Präsidentin der Hochschule Bielefeld, die Regierungspräsidentin und natürlich die OWL-Talentscouts. Talente aus ländlichen und städtischen Quartieren haben von ihren Entwicklungen berichtet und die Bedeutung der Talentscouts für ihren Weg in die Berufsausbildung, ein Studium oder ein Stipendium hervorgehoben. Anschließend hat sich die Hochschulpräsidentin für die Unterstützung und die Weiterbildung des NRW-Talentzentrums bedankt. Als ich dort im Auditorium saß, hat sich das vertraut angefühlt wie ein Heimspiel, das hat mir viel bedeutet.
2. Das neue Jahr beginnt mit frischem Wind und neuen Zielen. Worauf wollt ihr euch in 2026 fokussieren?
Hilke: Erstmal steht das nächste Jubiläum vor der Tür, denn 2026 wird unser Schülerstipendienprogramm RuhrTalente ebenfalls zehn Jahre alt. Die RuhrTalente haben sich in den letzten Jahren zu einem der größten Schülerstipendienprogramme Deutschlands entwickelt und wurden unter der Bezeichnung NRWTalente auf weitere Regionen in NRW ausgeweitet. Das Jubiläum ist natürlich ein willkommener Anlass, um die beeindruckenden Entwicklungen von jungen Leuten im Stipendium in den Mittelpunkt zu rücken. Auch hier haben viele Lehrkräfte und Partner aus allen Teilen der Gesellschaft gemeinsam Dinge bewirkt, die wir vor zehn Jahren nicht zu träumen gewagt hätten. Und wir nutzen dieses besondere Jahr natürlich auch, um wieder neue Akzente zu setzen. Erstmals war zu Jahresbeginn eine Gruppe hochaktiver RuhrTalente in New York, mit Aufenthalten bei den Vereinten Nationen, an der Wall Street oder im MoMA. Weitere Akzente werden hier folgen, die zentrale Gestaltungsperspektiven für demokratische Systeme betreffen. Um das zentral wichtige Themenfeld der Auslandsaufenthalte auch jenseits der RuhrTalente weiter zu professionalisieren, haben wir zu Jahresbeginn im Talentzentrum eine neue Koordinationsfunktion „Auslandsmobilität“ etabliert.
Marcus: Ich stelle mir Talentförderung oft wie ein Spinnennetz vor: Es wird immer dichter, trägt immer mehr und reißt nicht, sondern wird immer engmaschiger und wächst mit jeder neuen Verbindung. Viele dieser Verbindungen kommen inzwischen durch Talente zustande, die als Alumni zurückkommen, Talentpaten werden und andere junge Menschen in ihrem persönlichen Umfeld in ganz NRW unterstützen. 2026 wollen wir diese Vertrauensnetzwerke weiter stärken. Dazu erweitern wir unser Angebotsspektrum um eine neue Koordinationsfunktion im Bereich der „Alumniarbeit“. Wir werden zudem eine Reihe von Veranstaltungen in diesem Kontext haben und starten direkt mit einem besonderen Highlight: Ende Januar dürfen wir den Dortmunder Soziologen und Bestsellerautor Professor Aladin El-Mafaalani bei uns für einen Perspektiv-Talk begrüßen. Die Veranstaltung soll mit dem Motto „Vertrauen wagen!“ ein Leitsatz für das neue Jahr sein, an dem wir uns als Gemeinschaft von Talenten und Talentfördernden orientieren wollen.
3. Junge Menschen sind in besonderer Weise von gesellschaftlichen Veränderungen betroffen, gleichzeitig scheinen Perspektiven junger Menschen in den zentralen Gestaltungsfragen zuweilen eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wie passt das zusammen?
Marcus: Gar nicht! Professor Aladin El-Mafaalani beschreibt in seinem aktuellen Buch ja sehr eindrucksvoll die zunehmende Bildung von „Misstrauensgemeinschaften“ in unserer Gesellschaft als zentrale Herausforderung für die Demokratie. Gleichzeitig betont er, wie wichtig gerade das Vertrauen junger Menschen in staatliche Institutionen ist, um demokratische Strukturen zu erhalten. Wenn man sich klar macht, wo junge Menschen den mit Abstand größten Bezug zu staatlichen Systemen haben, wird die strategische Bedeutung eines funktionierenden Bildungs- und Ausbildungssystems für die Demokratie offenkundig. Hier fällt uns als Gesellschaft natürlich die extreme Chancenungerechtigkeit in weiten Teilen des Bildungssystems voll auf die Füße. Wir sehen hier als NRW-Talentförderung eine Verantwortung und Verpflichtung, unsere besonders wirksamen Aktivitäten für mehr Chancengerechtigkeit weiter auszubauen. Wissenschaftsministerin Brandes hat hier eine klare Zielrichtung vorgegeben – perspektivisch soll jeder junge Mensch in NRW Zugang zu einem Talentscout erhalten. Es geht nicht allein um individuelle Potenzialentfaltung oder Beiträge zur Bewältigung des Fachkräftemangels, es geht ganz zentral auch um Demokratieförderung.
Hilke: Wir werden unsere Engagements angesichts der Bedeutung für junge Menschen auch jenseits der Landesgrenzen von NRW strategisch ausweiten. In 2026 werden wir in mindestens einem weiteren Bundesland die Einführung eines Talentscoutings nach nordrhein-westfälischem Vorbild begleiten, mit Akteuren aus zwei weiteren Bundesländern gibt es einen intensiven Erfahrungsaustausch. Es werden zudem in der ersten Jahreshälfte neue Befunde der wissenschaftlichen Begleitforschung veröffentlicht, die erhebliche Wirkungen des NRW-Talentscoutings für den Studienerfolg signalisieren. Wir wollen hier vor allem auch verstärkt Anlässe schaffen, die wissenschaftlichen Befunde mit der Praxis zu verzahnen.
3 ½: Was bleibt noch zu sagen?
Hilke: Alles dürfen wir natürlich auch nicht verraten, aber ein bisschen spoilern kann ich ja schonmal. Es wird über das Jahr verteilt Geschichten von und über junge Menschen geben, die ihre Sicht auf Talentförderung mit anderen teilen wollen. Da kommen sehr vielschichtige Aspekte unserer Arbeit aus der Perspektive derjenigen auf den Tisch, die selbst Talentförderung erfahren und erlebt haben. Diese Rückmeldungen sind für uns Talentfördernde eine enorme Motivation.


