Wer ist eigentlich dieser Talentscout?

Seit 2017 ist Anne Bühner Talentscout. Unter dem Dach des Hochschulverbundes Campus OWL arbeiten die Talentscouts von den Universitäten Bielefeld und Paderborn, der Fachhochschule Bielefeld sowie der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe zusammen im Team Talentscouting OWL. „Hätte, könnte, wäre: Biografien brauchen keinen Konjunktiv. Ich möchte mich mit den Schüler*innen auf die Suche nach ihren Talenten machen, Wege aufzeigen und beim Erreichen von Zielen unterstützen", sagt Anne. Für die Universität Bielefeld ist sie sowohl in der Stadt als auch an Schulen im ländlichen Raum unterwegs. Anne ist auf dem Land groß geworden, für das Studium zog sie aber gerne in die Stadt.

Wieso hast du dich entschieden Talentscout zu werden?

Das ist, denke ich, vor allem in meiner eigenen Bildungsbiografie begründet. Ich bin selbst im ländlichen Raum aufgewachsen. Als Kind und Jugendliche hat das sowohl Vor- als auch Nachteile. Als Nachteil wahrgenommen habe ich es spätestens, als in meiner Schule meine favorisierten Leistungskurse nicht zustande kamen, weil die Schule zu klein war. Da merkte ich, dass ich da gar nicht die Möglichkeiten hatte, mich in den Fächern weiterzuentwickeln, die mich damals interessierten. Das war schon mal ein Punkt, der in meiner Bildungsbiografie von Bedeutung war. Dazu kam, dass meine Eltern nicht studiert haben. Ich kann heute gut nachvollziehen, wie es vielen Talenten geht. Meine Eltern haben immer lernfördernd auf mich eingewirkt, waren zukunftsorientiert und wollten, dass aus mir „etwas wird“. Mit Blick auf ein Studium konnten sie mich nicht unterstützen, darum war für sie damals eine Ausbildung total naheliegend. Das war allerdings nie das, was ich mir vorstellen konnte.

Ich habe bereits früh gemerkt, wie sehr äußere Rahmenbedingungen die eigene Bildungsbiografie prägen können. Das NRW-Talentscouting möchte genau diese äußeren Faktoren aushebeln. Von dem Ansatz war ich sofort begeistert.

Wie war denn dein akademischer Werdegang?

In meiner Brust schlagen zwei Herzen, zum einen das Kreative, also die Liebe zu Design und Architektur, das hat mich immer fasziniert und fasziniert mich bis heute. Zum anderen das Pädagogische und Soziale. Das hat in meiner Studienentscheidung dazu geführt, dass ich Probleme hatte mich festzulegen. Letztendlich habe ich mich einfach auf alles beworben, was ich mir grundsätzlich vorstellen konnte. Das reichte dann von Lehramt über Erziehungswissenschaften und Psychologie bis hin zu Architektur oder Grafikdesign. Als ich dann die erste Zusage erhielt, war ich super erleichtert. Ich habe dann gleich zugesagt, obwohl nach und nach auch noch weitere Zusagen eintrudelten.

Letztendlich habe ich dann Erziehungswissenschaften und Psychologie in Dortmund studiert und bin immer noch zufrieden mit meiner Entscheidung. Dennoch habe ich in der Phase der Studienentscheidung gemerkt, dass ich mir eine Ansprechperson gewünscht hätte, bei der ich eine Anlaufstelle gehabt hätte für meine Gedanken, Wünsche und Bedenken. Mutmacher*innen sind enorm wichtige Personen, die einen großen Beitrag leisten in der Studien- und Berufswahl. Diese Menschen habe ich dann zum Glück im Studium gefunden. Durch meinen Job an der Hochschule hatte ich Kontakt zu zwei Professoren, die mir damals Wege und Möglichkeiten aufzeigten, mich bestärkten und ein Vorbild waren für meinen weiteren Berufsweg. Das bestärkt mich heute noch, meinen Talenten als Mutmacherin, Vorbild oder einfach als Zuhörerin zur Seite zu stehen.

Wie erklärst du Freunden oder Familie deinen Job als Talentscout?

Ich bin selbst ein echter Reise-Fan. Meist beschreibe ich mich als eine Art Reiseleiterin für junge Menschen. Wenn man in einem anderen Land ist, die Sprache nicht spricht, Wege und Währung nicht kennt, braucht man häufig eine Orientierung, jemanden der einem die Richtung zeigt, Dinge übersetzt und vielleicht auch mal neue Ecken mit einem erkundet. Das machen wir Talentscouts bei Schüler*innen, die ihre Zukunft planen. Wir zeigen Möglichkeiten auf und geben Informationen mit auf den Weg zu Hochschulen, Studiengängen, Ausbildungsberufen oder auch Praktika, das Ziel bestimmen die Talente aber selbst.

Gibt es Talentgeschichten, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Da fallen mir zwei sehr unterschiedliche Talente ein, an die ich häufig zurückdenke. Ein Schüler kam vor einiger Zeit in die Beratung. Damals war er bereits in der 13. Klasse und hatte noch keine Vorstellung, wie es nach der Schule für ihn weitergehen sollte. In den ersten Gesprächen wurde dann deutlich, dass er eigentlich immer schon gerne ins Ausland wollte, also einfach raus, Erfahrungen sammeln. Ich besprach mit ihm verschiedene Angebote für Stellen innerhalb eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) im Ausland. Er bewarb sich dann erfolgreich für ein FSJ bei der Seemannsmission in Antwerpen, wo er nun als ein Freiwilliger im Seemannshotel arbeitet. Dort trifft er auf Menschen aus der ganzen Welt. Mittlerweile entwickelt er Ideen für die Zeit nach dem FSJ. Er möchte gerne anschließend als Schauspieler arbeiten und sammelt im Ausland nun erste Kontakte in dem Bereich. Bei ihm bin ich wirklich sehr gespannt, wohin die Reise noch gehen wird und freue mich, dabei auch weiter eine Wegbegleiterin sein zu dürfen.

Ein anderes Beispiel ist eine Schülerin, bei der das Talent gleich erkennbar war, die mit ein wenig Unterstützung aber trotzdem noch mal einen riesen Sprung machen konnte. Sie hat ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,2 bereits in der Tasche und wusste, dass sie im Bereich Medizin arbeiten möchte. Darum haben wir gemeinsam verschiedene Optionen erarbeitet. Sie bewarb sich sowohl für ein FSJ im medizinischen Bereich, ein Studium als auch für ein Stipendium. Die Zusagen für das FSJ und das Studium hat sie bereits. Jetzt hoffen wir gemeinsam auf die Zusage der Studienstiftung des deutschen Volkes. Wenn ich an einem solchen Erfolg für ein junges Talent mitwirken darf, die Entwicklung beobachte, die jemand in diesem Orientierungs- und Bewerbungsprozess durchmacht, dann macht mich das unendlich stolz. Dieses Glück, das sie erfahren hat, ist eins zu eins auf mich übergesprungen, darum denke ich daran immer wieder gerne zurück.

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