Talentscouting in Tirol

Inspiriert durch die Idee des Talentscoutings in NRW macht sich die Arbeitsmarktförderungs- gesellschaft in Tirol an die Konzeption eines Projekts, das junge Menschen ohne akademische Vorbilder in der eigenen Familie unterstützen möchte.

Talentförderung in Österreich für mehr Chancengerechtigkeit: Im Gespräch mit Dr. Reinhard Starnberger, Projektleiter talentescout-tirol. 

Dr. Reinhard Starnberger leitet das vom Land Tirol geförderte Vorhaben an der Universität Innsbruck. Als erster und bisher einziger Talentscout in Österreich ist seine persönliche Motivation, die Welt ein wenig gerechter zu machen und Talente unabhängig von Geschlecht, Herkunft und finanziellen Ressourcen zur Entfaltung zu bringen.

In Deutschland nehmen 79 von 100 Kindern aus akademischen Familien nach der Schule ein Studium auf. Gibt es in der Familie keine akademische Tradition, entscheiden sich nur 27 von 100 Kindern für den Weg an eine Hochschule. Wie ist die Situation in Österreich?

Es gibt eine Studie der Österreichischen Sozialerhebung, die zeigt, dass zurzeit 60 Prozent der Studierenden in Österreich aus Nicht-Akademikerfamilien kommen. 40 Prozent sind Akademikerkinder. In Deutschland ist das umgekehrt. Aufgrund dieser Tatsache stand damals die Frage im Raum, ob ein Talentscouting in Österreich überhaupt notwendig ist. Um diese Frage zu beantworten, wurde damals eine Rekrutierungsquote zur Hilfe genommen. Es wird also verglichen wie viele Kinder im Vergleich zur Elterngeneration studieren gehen. Das Ergebnis dieser Rekrutierungsquote ist, dass Akademikerkinder mit einer mehr als doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit ein Studium aufnehmen als Nicht-Akademikerkinder. Es gibt also sowohl in Deutschland als auch in Österreich immer wieder Gruppen, die stark unterrepräsentiert oder überrepräsentiert sind. Auch die Hochschulen haben 2017 eine Strategie zur Förderung sozialer Dimensionen in der Hochschulbildung entwickelt mit dem Ziel, die soziale Zusammensetzung der Studierenden an die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung besser anzugleichen. Auch wenn in Deutschland und Österreich die Statistiken unterschiedlich sind, sind die Themen, Sichtweisen und Wahrnehmungen doch oft sehr gleich. Einen Unterschied gibt es meines Wissens nach noch bei den Fachhochschulen: In Österreich sind die Fachhochschulen dazu verpflichtet, Zielgruppen nach Quoten aufzunehmen. Es ist quasi gesetzlich verankert, dass Nicht-Akademikerkinder gefördert werden.

Was sind die Ziele und Inhalte des Projekts „talentescout-tirol“? Wie fördern Sie Talente?

Die Idee des talentescout-tirol war ursprünglich sicherlich stark vom NRW-Talentscouting inspiriert, doch galt es gerade zu Beginn meiner Arbeit, das Konzept an die regionalen Bedingungen hier in Tirol anzupassen. Das Projekt ist die erste Maßnahme in Westösterreich, die die soziale Dimension der Hochschulbildung dezidiert anspricht und eine der wenigen in Österreich, die dies bereits vor Studienbeginn tut. Der Schwerpunkt der Maßnahmen liegt dabei im Bereich der Information und Beratung für die Zielgruppe der sogenannten „first generation students“, also Jugendliche bzw. junge Erwachsene aus dem Bundesland Tirol, die als erste in ihrer Familie studieren wollen. Wir freuen uns, bereits über 3300 Schüler*innen auf unterschiedlichen Wegen informieren und erreichen zu können. Parallel ist die Sensibilisierung des Bildungssystems und die stärkere Motivation von Direktor*innen, Lehrer*innen und Schülervertreter*innen, Talente anzusprechen, entscheidend. Da ich alleine in dem Programm arbeite, ist zudem eine gute Vernetzung wichtig, besonders die mit dem Schulsystem. Wenn man Bildungsgerechtigkeit herstellen möchte, muss man in den Schulen beginnen, was uns teilweise mit Workshops für Jugendliche gelungen ist. In Österreich endet mit 14 die Pflichtschule. Vielen stellt sich dann die Frage, ob man eine Ausbildung machen möchte oder auf eine weiterführende Schule geht. In diesem Alter sind dann natürlich die Eltern ein großer Einflussfaktor. Dies wird auch immer wieder in Gesprächen mit Bildungsberater*innen deutlich. Diese Bildungsberater*innen sind für mich ein wichtiger Kontakt, weil eben sie den direkten Kontakt zu den Schüler*innen haben. In Gesprächen ist aufgefallen, dass die Eltern eine größere Rolle spielen je jünger die Kinder sind. Deswegen fokussieren wir uns in einem Partnerprojekt u. a. auch auf die Eltern.

Wie binden Sie die Eltern in die Talentförderung mit ein?

Kinder aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil eine Matura hat, haben in Österreich noch immer eine etwa dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, ein Hochschulstudium zu beginnen als Kinder deren Eltern nicht über zumindest einen Maturaabschluss verfügen. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Chill die Basis: Förderung von nicht-traditionellen Studierenden“ wurden u. a. Elternabende gestaltet. Ein spannender Teil dieser Elternabende war die Diskussion über die eigenen Bildungsbiografien der Eltern und wie sich diese auf die der Kinder auswirken. Es wurde deutlich, wie stark sich bestimmte Muster und soziale Verhältnisse innerhalb der Familien reproduzieren. Festzustellen ist, dass vor allem die Eltern mit höherer Bildung zu den Veranstaltungen kommen, obwohl Beratung und Unterstützung in deren Fällen nicht wirklich notwendig ist. Die Eltern, die man aber erreichen möchte, die zur Zielgruppe gehören, sind da meist noch schwieriger zu erreichen als ihre Kinder. Hier würde es sich aus unserer Überzeugung aber lohnen, dranzubleiben.

Wieso engagieren Sie sich als Talentförderer?

Aus meiner eigenen Biografie kann ich sagen, dass ich ein klassisches Arbeiterkind bin und der erste in der Familie, der studiert hat. Ich kann mich in die Situation von Schüler*innen hineinversetzen. Das und ein gewisses Fingerspitzengefühl sind in der persönlichen Beratung essentiell. Mir ist wichtig, junge Menschen zu informieren, zu ermutigen und zu bestärken, ihnen aber keine falschen Vorstellungen zu machen. Die meisten sind sehr motiviert, ihren Traum zu erreichen. Mir persönlich liegt es am Herzen, einen kleinen Teil dazu beizutragen, die Welt ein wenig gerechter zu machen. Es ist schön zu sehen, welche Erfolge die Talente gemacht haben und welchen Weg sie gegangen sind. talentescout-tirol ist keine 100-Prozent-Lösung, aber definitiv ein Baustein in dem ganzen System. Es ist wichtig, dieses System zu reflektieren und in gewissen Zügen zu verändern. Eine Möglichkeit sehen wir in der Lehramtsausbildung an Hochschulen. Geplant ist, Lehramtsstudierende der Universität Innsbruck im Rahmen von Lehrveranstaltungen für das Thema „Chancenungleichheit in der Bildung“ zu sensibilisieren. Dann kann auch die Schule von morgen bildungsgerechter werden.

Weitere Informationen zum Programm talentescout-tirol

 

 

 

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