Wer ist eigentlich dieser Talentscout?

Im Gespräch mit Annette Jendrosch, NRW-Talentscout an der TU Dortmund.

Kontakt:
annette.jendrosch
@
tu-dortmund.de
0231 7558565

Talentscout Annette Jendrosch feiert im März 2021 bereits ihr 4-jähriges Jubiläum in der Talentförderung. „Ohne die Lehrer*innen, die ich in der Gesamtschule hatte, wäre ich heute nicht hier,“ sagt die Dortmunderin. „Ich bin damals mit einer Hauptschulempfehlung an der Gesamtschule gestartet. Rückblickend habe ich mich dort recht positiv entwickelt: Meine Noten wurden sehr viel besser und ich hatte super Lehrkräfte, wie z. B. meine Mathelehrerin, die sich auch mal in der Pause zu mir gesetzt und mir etwas erklärt hat, wenn ich im Unterricht nicht direkt mitgekommen bin.“

Wie ging es nach der Schule für dich weiter?

Eigentlich wollte ich immer eine Ausbildung machen, aber irgendwie war da niemand, der mich unterstützt hat und mir erzählen konnte, was wichtig ist und worauf man achten sollte. Deswegen habe ich noch mein Abitur gemacht. Zu Beginn der Oberstufe dachte ich noch, dass ich nicht studieren möchte, obwohl ich schon immer gerne gelernt habe. Wenn ich etwas richtig toll finde, dann setze ich mich auf den Hosenboden und arbeite mich ein. Im weiteren Verlauf der Oberstufe habe ich erkannt, dass das eine Eigenschaft ist, die sich auch dafür eignen könnte, ein Studium zu absolvieren. Nach dem Abitur wusste ich nicht so recht, welche berufliche Richtung ich einschlagen sollte. Ich habe mir das Studienangebot der TU Dortmund angeschaut und dann den Studiengang gewählt, von dem ich dachte, dass er mir am ehesten liegt. Ich arbeite super gerne mit Menschen zusammen, deshalb habe ich mich für das Pädagogikstudium entschieden.

Und wie war dann der Übergang an die Hochschule für dich?

Der Übergang zur Hochschule fiel mir nicht leicht. Die große Anzahl der Studierenden wirkte auf mich anonym und ich habe mich wie in einer anderen Welt gefühlt. Dieselben Irritationen und Unsicherheiten, die ich damals hatte, beobachte ich auch bei unseren Talenten. Ich versuche sie dann aufzufangen und ihnen die Angst zu nehmen, weil diese Gefühle völlig normal sind und es sehr häufig passiert, dass man am Anfang in den Vorlesungen und Seminaren mal nicht alles direkt versteht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich zum Teil die wissenschaftlichen Texte, die wir lesen mussten, echt schwer fand und mir der Transfer in die Praxis fehlte. Bis zum vierten Semester habe ich sehr an mir und dem Studium gezweifelt, obwohl mir klar war, dass das, was ich später damit machen werde zu mir passt und richtig cool sein wird. Aber im Studium hatte ich oft Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich es schaffen werde. Glücklicherweise war ich nicht ganz allein. Eine gute Freundin von mir hat dasselbe Fach studiert und wir konnten uns gegenseitig stützen und Mut machen. Ich bin nicht sicher, ob ich das Studium ohne jemanden an meiner Seite durchgezogen hätte. Ich hätte damals auf jeden Fall sehr gut einen Talentscout gebrauchen können.

Welche Eigenschaften braucht man deiner Meinung nach für die Tätigkeit als Talentscout?

Neugierde! Unvoreingenommene Neugierde. Ich bin ein fröhlicher Mensch und mache meine Arbeit wirklich gerne. Ich glaube, das ist etwas, was Talente in den Beratungen spüren und bei ihnen die Tür öffnet. Mir ist es sehr wichtig, dass ich Talente individuell dort abhole, wo sie gerade stehen und ich auf ihre ganz unterschiedlichen Bedürfnisse eingehe. Gemeinsam entdecken wir Potenziale und die Richtung für ihre berufliche Zukunft – sei es eine Ausbildung, ein (duales) Studium oder vielleicht auch ein FSJ nach dem Abitur. Ich begleite die Talente – auch über steinige Etappen – und bleibe mit ihnen im Dialog.

Gibt es Talente, die dich nachhaltig beeindruckt haben?

Ja, es gibt total viele Talente, die mich beeindrucken. Häufig ist es so, dass ich mir denke: „Wow, bist du mutig!“ Und das spiegle ich den Talenten natürlich auch. Es ist wichtig, ihnen diese Anerkennung für Leistungen und Ideen entgegen zu bringen und diese auch zu zeigen. Mir fallen da gleich mehrere Gespräche mit Talenten ein, die wenig Rückhalt von zuhause bekommen oder auch sehr kritische Elternhäuser haben. Eines dieser Talente hat ein super Abi gemacht und studiert jetzt erfolgreich seine Wunschstudiengänge. Trotz der Corona-Pandemie ist er zurzeit für ein Jahr an einer Universität im Ausland. Er wollte das unbedingt und musste dafür sehr viele zusätzliche Anträge stellen. Vor dieser Willenskraft ziehe ich den Hut! 

Ein anderes Talent, das ich in meinem ersten Jahr als Talentscout kennengelernt habe, beeindruckt mich sehr, weil sie sich sehr selbstbewusst für einen für sie persönlich passenden Weg entschieden hat. Sie kam an einem Tag zu mir und meinte: „Annette, ich könnte mit meinem Abischnitt jetzt Medizin studieren. Viele wollen das ja unbedingt, aber ich finde das eher semi-interessant. Ich könnte mich bestimmt einarbeiten, aber ich weiß, es wird mich nicht glücklich machen. Lass uns mal gucken, was ich machen kann.“ Ein essenzieller Punkt in unserer Zusammenarbeit war, herauszufinden, wofür sie sich wirklich begeistern kann. Wir haben auch viel über Mut gesprochen. Sie studiert nun Medienwissenschaften und Geschichte. Sie wollte ein geisteswissenschaftliches Studium machen, da das ihren persönlichen Interessen und Stärken entspricht. Dass der berufliche Werdegang damit nicht so sicher und vorgezeichnet ist wie mit einem Medizinstudium, ist ihr bewusst. Mich hat sie damit sehr beeindruckt. Es freut mich, dass sie mit der Fächerkombination etwas gefunden hat, das ihrer Persönlichkeit entspricht. Sie hat es auch geschafft, sich erfolgreich um ein Stipendium zu bewerben, was für sie eine enorme finanzielle Entlastung bedeutet.

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