Wer ist eigentlich dieser Talentscout?

Im Gespräch mit Gürkan Özkan, NRW-Talentscout an der RWTH Aachen.

Kontakt:
guerkan.oezkan
@
zhv.rwth-aachen.de
0241 809 92 30

Seit fünf Jahren ist Gürkan an der RWTH Aachen als Talentscout angestellt. „Ich möchte Bildungsgerechtigkeit nicht nur befürworten, sondern mitgestalten“, sagt er. Als Erstakademiker kennt er die Herausforderungen, denen Jugendliche auf ihrem Bildungsweg begegnen können. Gemeinsam mit den Talentscouts der FH Aachen sind die Talentscouts der Exzellenzuniversität in der gesamten Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren, Heinsberg und Euskirchen unterwegs – einer Gesamtfläche von 3.525 km².

Wie bist du zum Talentscouting gekommen?

Nachdem ich mein Studium beendet hatte, war ich auf Jobsuche und hatte mich darum auch bei der Arbeitsagentur vorgestellt. Durch ein Schreiben wurde ich auf die Ausschreibung der RWTH Aachen für einen Talentscout aufmerksam. Erst einmal konnte ich damit gar nichts anfangen. Talentscouting kennt man sonst ja nur vom Deutschen Fußball-Bund oder anderen Sportarten. Als ich mir aber die Beschreibung durchlies, war mir klar, dass ich das machen möchte.

Als Talentscout zeigst du Talenten Wege auf. Wie war dein Werdegang?

Ich war zunächst auf einer Realschule. Damals habe ich mich am Werdegang meines größeren Bruders orientiert, anstatt meine Empfehlung fürs Gymnasium wahrzunehmen. Nach der 10. Klasse bin ich dann aufs Gymnasium gewechselt, was wirklich eine Herausforderung war. Nichtsdestotrotz habe ich das Abi im ersten Anlauf geschafft und stand dann vor der Frage, wie ich nun weitermachen möchte. 

In der Zeit hätte ich tatsächlich selber einen Talentscout gebrauchen können. Glücklicherweise haben meine Eltern mich damals bestärkt, das zu studieren, wofür ich mich interessiere, auch wenn es kein Studienfach mit konkretem Berufsziel ist wie z. B. Medizin oder Ingenieurwesen. Heute weiß ich, dass das in einer Familie ohne akademische Tradition nicht selbstverständlich ist. Da hatte ich wirklich Glück, dass ich frei war in meiner Studienentscheidung und mich für das Studium der Politikwissenschaft und Soziologie an der RWTH entscheiden konnte. Für das Studium zog ich dann aus meiner Heimatstadt Remscheid nach Aachen.

Worin liegt deine persönliche Motivation, junge Menschen in ihrer Bildungsbiografie zu begleiten?

In erster Linie ist es die individuelle Förderung, die mich am Talentscouting so begeistert. Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung nachempfinden, wie wichtig es sein kann, bei beruflichen Entscheidungen jemanden an der Seite zu haben, der einem Mut zuspricht und auf die persönlichen Vorstellungen eingeht. Darum kann ich mich so gut mit dem Programm identifizieren. Mittlerweile sehe ich außerdem, wie weit einige meiner Talente es geschafft haben. Nach fast vier Jahren als Talentscout sind die ersten nun im Studium, in einer Berufsausbildung oder sogar mit dem Bachelor fertig. Diese Erfolge mitzuerleben und zu begleiten, begeistert mich immer wieder.

Gibt es konkrete Geschichten von Talenten, an die du dabei denkst?

Da gibt es ganz viele Geschichten. Ein Talent kommt mir gerade in den Sinn, mit dem ich damals ganz intensiv an ihrer Studienbewerbung gearbeitet habe. Ihr Wunsch war es, Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule in Aachen zu studieren. Für die Bewerbung muss man zusätzlich zum Notenschnitt auch ein gelungenes Motivationsschreiben einreichen. Auch ehrenamtliches Engagement und außerschulische Aktivitäten zählen beim Auswahlverfahren. Da fiebert man dann natürlich auch intensiv mit. Sie hat es letztendlich geschafft und befindet sich bereits im 3. Semester.

Das Talentscouting wurde im Ruhrgebiet entwickelt. Mit der Ausweitung 2017 stiegen die Aachener Hochschulen in das Programm ein. Vor welchen Herausforderungen stehen Talente im Raum Aachen?

Wir haben als Aachener Talentscouts ein sehr großes Einzugsgebiet. Die Hochschulen sind für Talente zum Teil räumlich weit entfernt und Angebote, die unsere Hochschulen für Schüler*innen machen, sind aufgrund der Entfernung für viele aus dem ländlicheren Raum kaum erreichbar.

Diese Talente profitieren teilweise von den aktuellen Entwicklungen durch die Kontaktbeschränkungen, da das Angebot an digitalen Veranstaltungen wächst. Wer früher mit Mühe und Not eine Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln fand, musste trotzdem häufig noch über eine Stunde Fahrt in Kauf nehmen – und das pro Strecke – um zusätzliche Angebote nach der Schule wahrzunehmen. Das ist für junge Menschen eine enorme Hürde. In der aktuellen Situation können viele dieser Talente plötzlich nun teilhaben. Das eröffnet ihnen neue Möglichkeiten.

Wir versuchen diese Erkenntnis zu nutzen und arbeiten darum in Aachen an einem Online-Talentscouting, das wir gemeinsam mit den Kooperationsschulen aufbauen möchten. Hierbei sollen die Beratungen für Talente über ein digitales Endgerät parallel zum Unterricht ermöglicht werden. So wollen wir auch zukünftig weiterhin neue Talente in Schulen finden, auch wenn wir nicht immer persönlich vor Ort sein können. Dadurch erhoffen wir uns, noch viel mehr junge Talente entdecken und fördern zu können.

Wie erlebst du deine Talente in der aktuellen Situation und wie gestaltete sich das Talentscouting in den letzten Monaten?

Das war für uns eine riesige Umstellung. Auch wir waren nicht darauf vorbereitet, dass wir von jetzt auf gleich nicht mehr in die Schulen gehen und dem Kern unserer Arbeit nicht mehr nachgehen konnten. Mit Talenten, die schon länger im Talentscouting sind, konnten wir gut Kontakt halten. Wir kommunizieren sowieso per WhatsApp oder Email miteinander. Neue Talente zu entdecken, war aber erstmal kaum möglich.

Darum war es umso motivierender zu sehen, dass Talente selber für das Programm Werbung machten, sich vernetzten und aktiv wurden. Manche leiteten unsere Kontaktdaten an ihre Freund*innen weiter und auch Lehrer*innen unterstützen uns bei der Talentidentifikation. Nichtsdestotrotz war klar, dass wir nur einen geringen Teil derjenigen erreichen können, die sonst von den niederschwelligen Beratungsangeboten vor Ort profitieren.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Wir haben in diesem Jahr an vielen Stellen gemerkt, dass junge Menschen sich engagieren und aktiv werden möchten – egal ob von zu Hause oder in der Schule. Das TalenteNetzwerkTreffen in Aachen hat in kurzer Zeit Ideen entwickelt und umgesetzt, um die Vernetzung von Schüler*innen und Studierenden zu gestalten. Im Format „Ask me anything“ konnten sich Talente zu verschiedenen Studiengängen austauschen und auch ohne den Besuch an der Hochschule mit Studierenden ins Gespräch kommen. Seitens der Schulen und durch uns Talentscouts wurde das Online-Talentscouting vorangetrieben, um das Angebot einer regelmäßigen individuellen Beratung beizubehalten. Ich hoffe, dass wir diese Kraft, Neues zu probieren, in die Zukunft mitnehmen.

Aktuell kooperiert das NRW-Talentscouting mit Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien. Ich denke, dass noch viel mehr Schüler*innen vom Programm profitieren können. Egal, ob nun an Realschulen oder in einem anderen Bundesland: es gibt noch riesige Potenziale, die nicht ausgeschöpft werden. Ich würde mir wünschen, dass alle jungen Menschen vom Talentscouting profitieren könnten, um ihren beruflichen Weg gehen zu können – ob in der Berufsausbildung oder im (dualen) Studium.

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